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Pressemeldungen - Nachrichten

Ai Weiwei über Tibet

„Es ist Zeit für die Wahrheit“

FAZ / 30. März 2008

Der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei fordert ein Ende der Zensur in seinem Land: Hass und Wut können nur durch den freien Zugang zu allen Informationen besiegt werden, sagt er im Gepräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Ai Weiwei, wie haben Sie die Ereignisse der letzten Wochen in Tibet und die westlichen Reaktionen darauf wahrgenommen?

Als einem Beobachter will mir scheinen, als wären beide Seiten in gewisser Weise falsch unterrichtet, sowohl im Westen wie in China. Es gibt keine tiefergehende Berichterstattung darüber, was eigentlich die Unruhen verursachte. Es gibt keine wirkliche Kommunikation, außer dass beide Seiten mit dem Finger aufeinander zeigen und anderen die Schuld geben. Das ist sehr schade gerade in diesem Augenblick unserer Geschichte. Was China betrifft, hat das vor allem damit zu tun, dass es keine öffentliche Diskussion gibt. Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, die streng von Ideologie kontrolliert ist, insbesondere bei all den Themen, die mit ethnischen Minderheiten zu tun haben. Es lässt nicht gerade auf eine Lösung der Probleme hoffen, wenn ein Großteil der Han-Chinesen diese Minderheiten einfach für Sklaven hält, die sie befreit hätten. Die Realität ist viel komplexer. Sie haben ihre eigene Religion, ihre eigene Art der Entwicklung, ihre eigene Mentalität. Die Tibeter werden jetzt einfach als gesetzlose Menschen beschimpft. Ich glaube nicht, dass das die Probleme lösen kann. Es erzeugt nur Hass zwischen den Han-Chinesen und den Minderheiten, vertieft die Kluft zwischen ihnen noch mehr.

Und was könnte die Kluft überwinden?

Am wichtigsten wäre ein wirklicher Respekt gegenüber den Minderheiten und ein Eingeständnis der Fehler, die an ihnen in der Vergangenheit begangen worden sind. Denn dieser Aufruhr zeigt doch auf jeden Fall das Scheitern der Minderheitenpolitik. Uns ist es nicht gelungen, ihre Religion und Lebensweise zu verstehen. In der Geschichte haben wir viele ihrer Tempel und Statuen zerstört. Das sind die Basisfakten. Jetzt haben sie Häuser zerstört und Menschen angegriffen. Aber man muss fragen: Woher kommt diese Wut? Oder wollen wir eine Gesellschaft sein, die völlig ihre Rechte ignoriert und dabei behauptet, alles sei in Ordnung? In einer demokratischen Gesellschaft müssen die Rechte und Unterschiede der verschiedenen Gruppen respektiert werden. Das Problem muss gelöst werden. Wenn man es nicht löst, ist man mit seiner Politik gescheitert. Man muss den Dialog suchen. Es nützt nichts, Leute anzuklagen, dass sie die Nation spalten würden. Wir bilden nun einmal verschiedene Gruppen mit verschiedenen Sprachen, verschiedenen Überzeugungen, verschiedenen Lebensstilen, verschiedenen Mentalitäten. Also: Respekt und Toleranz und Verhandeln und Gespräch!

Weshalb meinen Sie, dass der Westen falsch unterrichtet war?

Falsche Annahmen entstehen immer dann, wenn eine Seite vertuscht, so dass man von außen nichts sehen kann. Wenn man etwas verbirgt, dann blühen die Spekulationen. Grundsätzlich glaube ich, das Missverstehen und der Hass unter den Leuten, zwischen Nationen oder Ideologien, West und Ost, Tibetern und Chinesen, kommen vom Vertuschen, dem Mangel an Transparenz, an Zugang zu Informationen. Das verursacht der Gesellschaft so viele Kosten. China im Ganzen hat begonnen, sich in dieser Hinsicht zu ändern, aber in manchen Gebieten herrschen noch die alten Strukturen und das alte Denken vor. Ich glaube, Tibet ist typisch dafür. Der Mangel an Tatsachen oder sogar das absichtliche Verbergen der Wahrheit wird zu einem Haupthindernis im Kampf des Denkens. Das ist eine ganz essentielle Sache, auch wenn es sich naiv anhört. Die Art und Weise, wie man versucht, die Wahrheit in Erfahrung zu bringen, markiert einen fundamentalen Unterschied zwischen den Gesellschaften. Ganz im Anfang des Kommunismus versuchte man die absolute Wahrheit aus dem gesellschaftlichen Kampf heraus zu erlangen. Was dann in der Wirklichkeit des Kampfs passierte, war, dass man den normalen Bürgern nicht zutraute, dass sie die Wahrheit tragen könnten. Die Wahrheit ist zu gefährlich, als dass sie das Volk kennen dürfte. Das ist ein wirklich altes Denken, weil es sich nur darum dreht, wie man die Macht behalten kann. Ich frage mich oft, warum können wir nicht eine Gesellschaft mit besseren Medien ohne Zensur haben? Was wollen wir eigentlich verbergen? Was ist an der Wahrheit so gefährlich? Natürlich, wenn die meisten Menschen nur begrenzte Information haben, ist es einfacher, sie zu manipulieren. Information ist Macht. Aber bevor man entscheidet, wer hat recht, wer hat unrecht, sollte man zuerst alle Fakten kennen. Das ist immer notwendig. Wir hatten das vorher nie, und es ist Zeit, dass wir es haben. Sonst guckt man immer nur zurück, und die ganze Welt gibt einem die Schuld - denn selbst wenn man nichts Böses getan hat, bleibt immer die Frage: Warum verbirgt man es? Ich glaube daher insgesamt, die Medien haben nicht übertrieben. Wirklich verheerend wäre, wenn es gar keine Berichterstattung gäbe über das, was passiert, niemanden, der beobachtet, achtgibt auf das, was mit den Leuten passiert. Viele Chinesen schimpfen jetzt auf den Westen. Ich glaube, das kommt auch von der langjährigen Propaganda her, so dass man denkt: Der Westen ist der Feind, der versucht, China zu übervorteilen. Das ist ein Produkt des Missverstehens.

Viele Chinesen wundern sich jetzt auch, warum sich die Leute im Westen überhaupt so sehr um Tibet kümmern. Umgekehrt könnte man fragen: Warum gibt es eigentlich so wenige Chinesen, die sich um Tibet kümmern?

Weil die Chinesen nicht die Tradition haben, für die Schwachen zu kämpfen. Die Schwachen, die Verwundeten, haben in dieser Gesellschaft keinen Stand. Das ist eine Gesellschaft für die Erfolgreichen und Mächtigen. Es gibt wenig Empathie. Im Westen ist das anders. Da nimmt man automatisch für die Schwachen Stellung. Die meisten Chinesen halten Tibet einfach für ein Reiseziel mehr, einen Ort für Besichtigungstouren; diese unschuldig-dummen bourgeoisen Boheme-Menschen aus Schanghai oder Peking machen dort gern ein paar Tage Urlaub. Aber sie verstehen die Menschen nicht. Sie haben mit ihnen keine wirkliche Kommunikation.

Wie denkt man in der chinesischen Kunstszene über die Sache?

Ich glaube, die Leute sind verwirrter geworden. Ich höre die Leute oft sagen: Was ist da falsch? Was will der Dalai Lama wirklich? Sie sind vollständig verwirrt. Die Buddhisten sind friedliche Menschen. Aber auf der anderen Seite gibt es die Bilder, auf denen sie Messer haben, die Flagge verbrennen, Fenster herausbrechen, junge Buddhisten mit wirklichem großem Zorn in sich. Aber gibt es eine Möglichkeit, sie zu fragen, dass sie sich aussprechen? Könnte man sie einladen in den CCTV (den chinesischen Staatssender), um darüber zu diskutieren, was in ihrem Kopf vorgeht, anstatt sie nur Kriminelle zu nennen? Ich frage mich: Warum eigentlich nicht? Wer hat diese Trennwand des Missverstehens hochgezogen? Und warum? Sehen wir sie immer noch als Barbaren, als Wesen unterhalb der Möglichkeit der Verständigung? Das Resultat ist, dass die Spannung, der Zorn und der Hass zunehmen. Weil man will, dass andere Menschen verschwinden, nicht physisch, aber mit ihrer mentalen Welt. Ich glaube, das ist brutal.

Das Gespräch führte Mark Siemons.

 

 

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