10. März 2008
Video:
http://www.dalailama.com/page.128.htm
Botschaft S. H. des Dalai Lama zum 10. März 2008
49. Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes
Anlässlich des 49. Jahrestages des friedlichen Aufstandes des
tibetischen Volkes in Lhasa am 10. März 1959 ehre ich und bete
für die vielen mutigen Männer und Frauen Tibets, die
unaussprechliche Härten erduldeten und ihr Leben für die Sache
des tibetischen Volkes opferten, und bekunde meine Solidarität
mit den Tibetern, die zurzeit Unterdrückung und Misshandlung
erleben. Auch grüße ich alle Tibeter in und außerhalb Tibets,
alle Unterstützer der tibetischen Sache und alle, die
Gerechtigkeit schätzen.
Seit nahezu sechs Jahrzehnten leben Tibeter in ganz Tibet,
bekannt als Cholkha-Sum (U-Tsang, Kham und Amdo) in ständiger
Furcht, sie leiden unter Einschüchterung und Verdächtigungen im
Zuge der chinesischen Unterdrückung. Trotzdem haben sie ihre
religiöse Überzeugung, ein Bewusstsein ihrer Nation und Kultur,
bewahrt. Nicht nur das: Das tibetische Volk war in der Lage, ein
grundlegendes Streben nach Freiheit lebendig zu halten. Ich bin
sehr erfreut und stolz auf sie.
Viele Regierungen, Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) und
Einzelpersonen auf der ganzen Welt haben fortwährend die Sache
Tibets unterstützt, weil sie ein Interesse an Frieden und
Gerechtigkeit haben. Besonders im letzten Jahr gab es wichtige
Gesten von Regierungen und Nationen, die klare Unterstützung für
uns zum Ausdruck brachten. Ich möchte jedem Einzelnen meine
Dankbarkeit ausdrücken.
Das Tibetproblem ist sehr kompliziert. Es hängt mit vielen
Bereichen zusammen: Politik, Natur Gesellschaft, Gesetzen,
Menschenrechten, Religion, Kultur, der Identität eines Volkes,
der Wirtschaft und der natürlichen Umwelt. Deshalb ist eine
umfassende Herangehensweise notwendig, um dieses Problem zu
lösen, die dem Nutzen aller beteiligten Parteien dient, nicht
nur dem einer Partei allein. So waren wir standhaft in unserem
Engagement einer für alle nützlichen Politik, dem Mittleren Weg,
und wir haben ernsthafte und beharrliche Anstrengungen über
viele Jahre unternommen, um dies zu erreichen.
Seit 2002 haben meine Repräsentanten sechs Gesprächsrunden
mit den zuständigen offiziellen Vertretern der Volksrepublik
China geführt, um die relevanten Punkte zu diskutieren. Diese
ausgedehnten Diskussionen haben geholfen, einige ihrer Zweifel
zu beseitigen, und es uns ermöglicht, unsere Erwartungen
darzulegen. Hinsichtlich des grundlegenden Problems hat es
jedoch überhaupt keine konkreten Ergebnisse gegeben. Und während
der letzten Jahre hat Tibet wachsende Repression und Brutalität
erlebt. Trotz dieser unglücklichen Entwicklungen bleibt mein
Standpunkt und meine Entschlossenheit unverändert, die Politik
des Mittleren Weges weiterzuverfolgen und unseren Dialog mit der
chinesischen Regierung fortzusetzen.
Ein großes Problem der Volksrepublik China ist das Fehlen der
Legitimität in Tibet. Die chinesische Regierung kann ihre
Position dadurch festigen, dass sie eine Politik macht, die das
tibetische Volk zufrieden stellt und sein Vertrauen gewinnt.
Wenn es uns gelingt, durch einen Weg gegenseitiger Anerkennung
Aussöhnung zu erreichen, werde ich, wie ich bereits viele Male
dargelegt habe, alles tun, um die Unterstützung des tibetischen
Volkes zu gewinnen.
Die natürliche Umwelt in Tibet ist als Resultat vielfältiger
Aktivitäten der chinesischen Regierung, die auf mangelnder
Voraussicht beruhten, ernsthaft geschädigt. Darüber hinaus ist
im Zuge der Zuwanderungspolitik die nicht-tibetische Bevölkerung
mehrfach angewachsen, während sich der Anteil einheimischer
Tibeter in ihrem eigenen Land auf eine unbedeutende Minderheit
verringert hat. Außerdem verschwinden Sprache, Sitten und
Traditionen Tibets, welche die wahre Natur und Identität des
tibetischen Volkes widerspiegeln. Als Folge werden die Tibeter
immer stärker in die größere chinesische Bevölkerung
assimiliert.
In Tibet nimmt die Unterdrückung zu - mit unzähligen,
unvorstellbaren und groben Menschenrechtsverletzungen, der
Verweigerung religiöser Freiheit und der Politisierung
religiöser Angelegenheiten. Alles dies geschieht als Folge eines
Mangels an Achtung der chinesischen Regierung vor dem
tibetischen Volk. Dies sind große Hindernisse, welche die
chinesische Regierung bewusst schafft, um ihre Politik der
Vereinheitlichung der Nationalitäten voranzutreiben; ihre
Politik diskriminiert zwischen den tibetischen und chinesischen
Völkern. Daher dränge ich die chinesische Regierung, diese
Politik sofort zu beenden.
Obwohl die Gebiete, die von der tibetischen Bevölkerung
bewohnt werden, mit so verschiedenen Namen wie Autonome Region,
Autonome Präfektur und Autonome Distrikte bezeichnet werden,
sind sie nur dem Namen nach autonom; tatsächlich besitzen sie
keine echte Autonomie. Statt dessen werden sie regiert von
Menschen, die blind sind gegenüber der regionalen Situation und
getrieben werden von dem, was Mao Zedong als Han-Chauvinismus
bezeichnet hat. Diese sog. Autonomie hat den betroffenen
Nationalitäten keinerlei greifbaren Nutzen gebracht. Unredliche
Politik, die an der Realität vorbeigeht, führt zu großem
Umrecht, nicht nur bei den entsprechenden Nationalitäten,
sondern auch, was die Einheit und Stabilität der chinesischen
Nation betrifft. Es ist wichtig für die chinesische Regierung,
wie von Deng Xiaoping empfohlen, im wirklichen Sinn dieses
Begriffes „die Wahrheit bei den Tatsachen zu suchen“.
Die chinesische Regierung kritisiert mich scharf, wenn ich
vor der internationalen Gemeinschaft Fragen zum Wohlergehen des
tibetischen Volkes aufwerfe. Bis wir für alle Beteiligten eine
zufriedenstellende Lösung gefunden haben, habe ich die
historische und moralische Verpflichtung, weiterhin offen für
das tibetische Volk zu sprechen. Gleichzeitig ist allgemein
bekannt, dass ich mich schon halb zur Ruhe gesetzt habe, seit
die politische Führung der tibetischen Diaspora von der
tibetischen Bevölkerung direkt gewählt wurde.
Aufgrund seines großen wirtschaftlichen Fortschritts
entwickelt sich China zu einem mächtigen Land. Dies ist zu
begrüßen, und es gibt China auch die Möglichkeit, eine wichtige
Rolle auf der internationalen Bühne zu spielen. Die Welt ist
begierig zu sehen, wie die gegenwärtige chinesische Führung die
erklärten Konzepte einer „harmonischen Gesellschaft“ und eines
„friedlichen Aufschwungs“ verwirklichen wird. Zur Realisierung
dieser Konzepte ist wirtschaftlicher Aufschwung allein nicht
ausreichend. Hier muss es Fortschrift geben hisichtlich der
Beachtung von Gesetzen, der Transparenz, dem Recht auf
Information sowie der Freiheit der Rede. Da China ein Land mit
vielen Nationalitäten ist, müssen alle die gleichen
Möglichkeiten und die gleiche Freiheit haben, ihre jeweilige
Identität zu schützen, wenn im Land stabile Verhältnisse
herrschen sollen.
Am 6. März 2008 erklärte Präsident Hu Jintao: „Die Stabilität
Tibets betrifft die Stabilität des Landes, und die Sicherheit
Tibets betrifft die Sicherheit des Landes.“ Er fügte, hinzu die
chinesische Führung müsse das Wohlergehen der Tibeter
sicherstellen, das Engagement betreffend Religion und ethnischer
Gruppen verbessern und soziale Harmonie und Stabilität bewahren.
Präsident Hus Erklärung ist richtig, und wir freuen uns, wenn
sie umgesetzt wird.
Dieses Jahr erwartet das chinesische Volk stolz und
ungeduldig die Eröffnung der Olympischen Spiele. Ich habe, von
den ersten Anfängen an, die Idee unterstützt, China die
Möglichkeit zu geben, Gastgeber der Olympischen Spiele zu sein.
Da solche internationalen Sportereignisse, besonders die
Olympiade, die Prinzipien der Freiheit der Rede und des
Ausdrucks, Gleichheit und Freundschaft hochhalten, sollte China
sich als guter Gastgeber erweisen, indem es diese Freiheiten
zulässt. Deshalb sollte die internationale Gemeinschaft, neben
dem Entsenden ihrer Athleten, die chinesische Regierung an diese
Werte erinnern.
Ich habe erfahren, dass viele Regierungen, Einzelpersonen und
Nicht-Regierungs-Organisationen auf der ganzen Welt Aktivitäten
unternehmen angesichts der Möglichkeit, die es für China gibt,
sich positiv zu verändern. Ich bewundere ihre Aufrichtigkeit.
Ich möchte nachdrücklich betonen, dass es sehr wichtig ist, auch
die Zeit nach der Beendigung der Spiele im Blick zu haben. Die
Olympischen Spiele werden ohne Zweifel großen Einfluss im Denken
der chinesischen Bevölkerung haben. Deshalb sollte die Welt ihre
Energien gebündelt einsetzen, einen kontinuierlichen Wandel
innerhalb Chinas selbst herbeizuführen, nachdem die Olympiade
beendet ist.
Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, meinen Stolz und meine
Bewunderung für die Standhaftigkeit, den Mut und die
Entschlossenheit des tibetischen Volkes innerhalb Tibets
auszudrücken. Ich ermutige sie, ihre Arbeit friedlich und
innerhalb der bestehenden Gesetze, die den
Minderheits-Nationalitäten der Volksrepublik China -
einschließlich des tibetischen Volkes - zustehen, ihre legitimen
Rechte und Freiheiten zu nutzen.
Ich möchte diese Gelegenheit weiter nutzen, der Regierung und
dem Volk Indiens besonders zu danken, für ihre fortwährende und
unvergleichliche Unterstützung der tibetischen Flüchtlinge und
der Sache Tibets. Ebenso drücke ich meine Dankbarkeit aus
gegenüber allen Regierungen und Menschen für ihre fortwährende
Anteilnahme der Sache Tibets.
Der Dalai Lama
10. März 2008 |