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Pressemeldungen - Nachrichten

5 AI 0606 AA/SA So, 02.Dez 2007

Österreich/China/Tibet/Menschenrechte/Religion/Olympia/Hintergrund

Dalai-Lama-Vertreter: Westen muss bei Menschenrechten standfest sein

Utl.: Dem Druck Pekings nicht nachgeben - Verschärfung der Lage vor Olympischen Spielen - Nachfolge: Religionsführer bestimmt über seine Reinkarnation

Wien (APA) - In China könne man im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking von einer Verschärfung der Menschenrechtspolitik sprechen, was Anlass zur Besorgnis gebe. Dies erklärte der Repräsentant des Dalai Lama für Zentral- und Osteuropa, Kelsang Gyaltsen, anlässlich seines Besuchs in Österreich. Er wertete diese harte Haltung Pekings im APA-Gespräch als "ein Zeichen dafür, dass China die Glaubwürdigkeit der westlichen Menschenrechtspolitik stark in Zweifel zieht" oder ganz einfach "nicht ernst nimmt".

Mit "Festigkeit" und "Beharrlichkeit" müssten die westlichen Demokratien ihre Menschenrechtspolitik vertreten, um diese auch anderswo einfordern zu können, erklärte Gyaltsen, andernfalls gebe es ein Glaubwürdigkeitsproblem. "Der Grundgedanke müsste sein: Wie können wir den demokratischen Kräften am besten helfen und ihnen Mut machen." Sogenannte stille Diplomatie reiche aber nicht aus, betonte der Repräsentant des Dalai Lama, des geistlichen und weltlichen Oberhaupts der Tibeter.

Eine glaubwürdige Menschenrechtspolitik muss nach den Worten Gyaltsens auf Täter und auf Opfer ausgerichtet sein. "Die westliche Gesellschaft muss zwei Adressaten im Auge behalten, die Regierung, die Menschenrechte verletzt, und die Opfer der Menschenrechtsverletzungen." Mit Blick auf das leidgeprüfte tibetische Volk meinte der Dalai-Lama-Repräsentant, für die Opfer sei es enorm wichtig, "zu wissen, dass die Welt sie nicht vergessen hat und an ihrem Schicksal Anteil nimmt". Oft gewinne man den Eindruck, dass die Opfer "ausgeblendet" würden. "Die Regierung, die die Menschenrechte verletzt, darf nicht zum alleinigen Maßstab gemacht werden."

Zu den jüngsten Treffen des Dalai Lama mit europäischen Spitzenpolitikern - wie der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundeskanzler Alfred Gusenbauer - sagte Gyaltsen, es sei "wichtig, dass die betreffenden Staaten dazu stehen". Dem Druck Pekings nachzugeben, wäre "das falsche Signal". China hat besonders im Falle Deutschlands, wo die Begegnung offiziellen Charakter hatte, äußerst heftig reagiert.

Dem Dalai Lama wirft Peking separatistische Tendenzen vor. Sein Repräsentant hielt dem entgegen: "Diese Treffen sind nicht anti-chinesisch, sondern drücken die tragische Situation der Tibeter aus." Sie seien Teil der "Bemühungen, eine Lösung für das Tibet-Problem im Rahmen des chinesischen Staatenverbandes zu finden". Von den westlichen Regierungen erwartet Gyaltsen "Standfestigkeit": "Es ist im Interesse Chinas, in einem echten Dialog eine einvernehmliche Lösung zu finden." Dass Papst Benedikt XVI. ein Treffen mit dem Dalai Lama Mitte Dezember abgesagt hat, kommentierte Gyaltsen mit den Worten: "Der Vatikan hat offenbar Probleme mit einer Begegnung." (Hintergrund dürfte die schwierige Lage der unterdrückten papst-treuen Katholiken in China sein.)

Zur Nachfolgeregelung des Dalai Lama, der zuletzt ein mögliches Referendum ankündigte, sagte dessen Europa-Vertreter: "Es gibt verschiedene Arten des Auffindens einer Reinkarnation." Nach der Lehre des tibetischen Buddhismus "können erleuchtete Wesen selbst entscheiden, wann, wie und wo sie wiedergeboren werden". Dies obliege also dem Dalai Lama, der bereits 1969 erklärt habe, das tibetische Volk müsse entscheiden, ob die derzeitige Tradition fortgeführt werden solle. Wenn ein chinesischer Sprecher jetzt behaupte, ein Referendum verstoße gegen die tibetischen Bräuche, bedeute dies schlicht, "dass er vom tibetischen Buddhismus nichts versteht", so Gyaltsen.

Über die Absicht der Pekinger Führung, einen 15. Dalai Lama ihrer Wahl als Nachfolger des jetzigen 14., Tensin Gyatso, der im indischen Exil lebt, einzusetzen, macht sich Gyaltsen keine Illusionen. Das Beispiel des gegenwärtigen Pantschen Lama vor Augen, meinte er: "Wenn die Situation so bleibt wie jetzt, werden sie ihren eigenen Dalai Lama ernennen." Es werde dann "sehr wahrscheinlich zwei Dalai Lamas" geben. Aber der von China gekürte "wird im Herzen der Tibeter keinen Platz haben", ist Gyaltsen überzeugt, denn es sei grotesk und zeuge von der Unfreiheit der Tibeter, "wenn eine kommunistische Staatsführung eine religiöse Führung für Tibet bestimmt".

(Das Gespräch führte Hermine Schreiberhuber/APA.) (Schluss) hs/fre/ar

 

 

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