Der 14. Dalai Lama
Nobelpreis-Rede
University Aula | Oslo | 10. Dezember 1989
Eure Majestät, Mitglieder des Nobel-Komitees, Brüder und
Schwestern,
ich
schätze mich sehr glücklich, heute hier bei Ihnen zu sein, um
den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen. Ich fühle mich geehrt
und demütig bewegt, dass Sie diesen wichtigen Preis einem
einfachen Mönch aus Tibet geben wollen. Ich bin niemand
Besonderes. Aber ich glaube, der Preis ist eine Anerkennung für
den wahren Wert von Uneigennützigkeit, Liebe, Mitgefühl und
Gewaltlosigkeit, die ich in Übereinstimmung mit den Lehren
Buddhas und den großen Weisen Indiens und Tibets zu praktizieren
versuche.
Im Namen der Unterdrückten überall auf der Welt und für alle,
die um Freiheit kämpfen und für den Frieden in der Welt
arbeiten, nehme ich den Preis in tiefer Dankbarkeit entgegen.
Ich nehme ihn an als eine Ehrung für den Mann, der die moderne
Tradition der Veränderung durch gewaltloses Handeln begründete:
Mahatma Gandhi, dessen Leben mich belehrte und begeisterte.
Natürlich nehme ich ihn auch im Namen der sechs Millionen
Tibeter und Tibeterinnen an, meiner tapferen Landsleute im
Inneren Tibets, die so sehr gelitten haben und immer noch leiden
müssen. Sie sind einer überlegten und systematischen Strategie
ausgesetzt, die auf die Zerstörung ihrer nationalen und
kulturellen Identität abzielt. Der Nobelpreis bestärkt unsere
Überzeugung, dass mit Wahrheit, Mut und Entschlossenheit als
unseren Waffen, Tibet wieder befreit werden wird.
Gleich aus welchem Teil der Welt wir kommen: Im Grunde sind
wir alle die gleichen menschlichen Wesen. Wir alle suchen Glück
und streben danach, Leid zu vermeiden. Wir haben die gleichen
grundlegenden menschlichen Bedürfnisse und Interessen. Wir alle
wollen als menschliche Wesen Freiheit und das Recht, über unser
eigenes Schicksal zu bestimmen, sei es als Individuen oder als
Volk. Das ist menschlich. Die großen Veränderungen, die überall
in der Welt vor sich gehen - von Osteuropa bis Afrika - sind ein
klares Anzeichen dafür.
In China wurde im Juni dieses Jahres die Volksbewegung für
Demokratie mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Aber ich glaube
nicht, dass die Demonstrationen umsonst gewesen sind; denn der
Geist der Freiheit des chinesischen Volkes ist wieder
aufgeflammt, und China kann dem Impuls dieses Freiheitswillens,
der in so viele Teile dieser Welt eingezogen ist, nicht
entfliehen. Die tapferen Studenten und ihre Helfer zeigten der
chinesischen Führung und der Welt das menschliche Antlitz dieser
großen Nation.
In der letzten Woche wurden wieder einmal in einem großen
Schauprozess eine Anzahl Tibeter zu Gefängnisstrafen bis zu
neunzehn Jahren verurteilt, möglicherweise um die Bevölkerung
vor dem heutigen Ereignis einzuschüchtern. Ihr einziges
“Verbrechen” war die Bekundung der weit verbreiteten Sehnsucht
der Tibeter nach Wiederherstellung der Unabhängigkeit ihres
geliebten Heimatlandes.
Die Leiden unseres Volkes während der vergangenen vierzig
Jahre der Besetzung sind genau dokumentiert. Den Unseren war ein
langer Kampf beschieden. Wir wissen, dass unsere Sache gerecht
ist. Weil Gewalt nur immer mehr Gewalt und immer mehr Leiden
erzeugt, muss unser Kampf gewaltlos bleiben und frei von Hass.
Wir versuchen, die Leiden unseres Volkes zu beenden, nicht aber
Leid über andere zu bringen.
In diesem Sinn habe ich schon bei zahlreichen Gelegenheiten
Verhandlungen zwischen Tibet und China vorgeschlagen. 1987
unterbreitete ich in einem Fünf-Punkte-Plan besondere Vorschläge
zur Wiederherstellung von Frieden und Menschenrechten in Tibet.
Dieser Plan enthielt die Umwandlung des gesamten tibetischen
Plateaus in eine Zone von “Ahimsa”, in ein Schutzgebiet von
Frieden und Gewaltlosigkeit, wo Menschen und Natur in Frieden
und Harmonie leben können.
Im vergangenen Jahr habe ich diesen Plan vor dem Europäischen
Parlament in Straßburg entwickelt. Ich glaube, dass die Ideen,
die ich bei dieser Gelegenheit zur Sprache brachte, realistisch
und vernünftig sind, obwohl sie von einigen meiner Landsleute
als zu entgegenkommend kritisiert worden sind.
Unglücklicherweise haben Chinas Führer keine positive Antwort
auf die von uns unterbreiteten Vorschläge gegeben, die
bedeutende Zugeständnisse machen. Beharren sie darauf, dann
wären wir gezwungen, unsere Haltung neu zu überdenken.
Jede Beziehung zwischen Tibet und China muss auf den
Prinzipien von Gleichheit, Respekt, Vertrauen und beiderseitigem
Nutzen basieren. Sie muss auch auf dem Grundsatz beruhen, der
von den weisen Herrschern Tibets und Chinas bereits im Jahre 823
n. Chr. in einem Vertrag vereinbart wurde - gemeißelt in eine
Säule, die noch heute in Lhasa vor dem Jokhang, dem
heiligsten Schrein Tibets, steht. Dort heißt es: “Die Tibeter
werden glücklich in dem großen Land von Tibet leben, und die
Chinesen werden glücklich in dem großen Land von China leben”.
Als buddhistischer Mönch erstreckt sich meine Anteilnahme auf
alle Mitglieder der menschlichen Familie und natürlich auch auf
alle anderen fühlenden Wesen, die leiden. Ich glaube, Leiden
wird durch Unwissenheit verursacht. Menschen fügen anderen
Schmerzen zu in dem selbstsüchtigen Streben nach eigenem Glück
und eigener Befriedigung. Wahres Glück jedoch entspringt einem
Gefühl inneren Friedens und innerer Zufriedenheit. Dieses
wiederum muß durch das pflegende Einüben von Uneigennützigkeit,
Liebe, Mitgefühl einerseits und durch die Beseitigung von
Unwissenheit, Selbstsucht und Begierde andererseits erlangt
werden.
Die Probleme, vor denen wir heute stehen, wie gewalttätige
Konflikte, Zerstörung der Natur, Armut, Hunger und andere, sind
von Menschen geschaffene Probleme, die durch menschliche
Anstrengung, menschliches Verständnis und durch die Entfaltung
eines Sinns für Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit gelöst
werden können. Wir müssen eine universelle Verantwortung für
einander und den Planeten, den wir teilen, entwickeln. Obwohl es
meine buddhistische Religion war, die mir half, Liebe und
Mitgefühl -selbst denen gegenüber, die wir als unsere Gegner
betrachten- zu entfalten, bin ich davon überzeugt, dass auch
jeder andere ein gutes Herz und einen Sinn für universelle
Verantwortung entwickeln kann, sei es nun mit oder ohne
Religion.
Bei dem ständig wachsenden Einfluss der Wissenschaft auf
unser Leben sollten Religion und Spiritualität eine größere
Rolle spielen, indem sie uns an unsere Menschlichkeit erinnern.
Es besteht kein Widerspruch zwischen beiden. Das eine gibt uns
wertvolle Einsichten in das andere. Sowohl die Wissenschaft als
auch die Lehre des Buddha sprechen von der grundlegenden Einheit
aller Phänomene. Dieses Verständnis ist entscheidend, wenn wir
das drückendste globale Problem, das der Umweltzerstörung,
positiv und entschieden angehen wollen.
Ich glaube, alle Religionen verfolgen dasselbe Ziel:
menschliche Güte zu entfalten und allen menschlichen Wesen Glück
zu bringen. Obwohl die Mittel hierfür verschieden zu sein
scheinen, ist das Resultat doch dasselbe. Nun da wir in das
letzte Jahrzehnt dieses Jahrhundert eintreten, bin ich
zuversichtlich, dass die alten Werte, welche die Menschheit
bisher erhalten haben, wieder erstarken werden, um uns auf ein
freundlicheres, glücklicheres einundzwanzigstes Jahrhundert
vorzubereiten.
Ich bete für uns alle - Unterdrücker und Freunde -, dass es
uns gelingen möge, durch menschliches Verständnis und
menschliche Liebe zusammen eine bessere Welt zu errichten und
dass wir die Schmerzen und Leiden aller fühlenden Wesen auf
diese Weise verringern können.
Ich danke Ihnen. |