Sino-Tibetischer Dialog
Presse
„China nimmt den Menschenrechtsdialog nicht ernst“
13. Dezember 2007
China nimmt den Menschenrechtsdialog nicht ernst. Kelsang
Gyaltsen, EU-Beauftragter des Dalai Lama über diplomatische
Spannungen zwischen Deutschland und China, die Rolle Europas und
der USA bei der Tibetfrage und Chancen durch die Olympiade 2008
Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im September 2007 in
Berlin den Dalai Lama empfing, führte dies zur Verschlechterung
der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und China,
mehrere deutsch-chinesische Treffen wurden abgesagt. Wie ist
dies zu bewerten, war der Empfang nur reine Symbolik oder ein
sinnvoller Schritt? Wie verhalten sich die anderen westlichen
Länder gegenüber China? Und welchen Einfluss haben die
Olympischen Spiele 2008 in Peking auf die Tibetfrage? Diese
Fragen stellten Tobias Goltz und Sebastian Witt dem
EU-Beauftragten des Dalai Lama, Kelsang Gyaltsen. Er wurde 1952
geboren und ist nach der Flucht aus Tibet 1963 in der Schweiz
aufgenommen worden. Kelsang Gyaltsen ist seit mehr als 20 Jahren
für die tibetische Exilregierung tätig. Er lebt mit seiner
Familie in der Schweiz.
Herr Gyaltsen, kürzlich hat Angela Merkel den Dalai Lama
im Kanzleramt empfangen. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?
Gyaltsen: Wir sind sehr froh, dass die Bundeskanzlerin mit
Seiner Heiligkeit des Dalai Lama zusammen gekommen ist. Sie hat
deutlich gemacht, dass die deutsche Bundesregierung über die
Situation in Tibet sehr besorgt ist. Angela Merkel unterstützt
damit die gewaltlose Politik des Dalai Lama, im Dialog mit China
eine friedliche und einvernehmliche Lösung zu finden. Das ist
für uns sehr wichtig. Dem Beispiel der deutschen Bundeskanzlerin
ist der österreichische Bundeskanzler gefolgt. Wir sind
zuversichtlich, dass auch andere europäische Regierungen folgen
werden, denn sonst kann die chinesische Regierung die Europäer
gegeneinander ausspielen. Und das wäre zum Schaden der Freiheit
der Menschen und der Minderheiten in China.
Die chinesische Regierung hat den Empfang stark
kritisiert…
Gyaltsen: Die chinesische Regierung protestiert immer
lautstark. Sie betrachtet es als anti-chinesisch, egal wohin der
Dalai Lama geht und mit wem er sich trifft. Es ist leider so,
dass die chinesische Regierung versucht, Druck auszuüben. Der
Dalai Lama soll als Sprecher des tibetischen Volkes isoliert
werden und keine Bühne bekommen, um über das Problem in Tibet zu
sprechen.
China vertritt die Position, der Dalai Lama wolle Tibet
von China abspalten.
Gyaltsen: Das ist nicht wahr. Der Dalai Lama will in
Gesprächen mit der chinesischen Führung eine echte Autonomie für
das tibetische Volk im Rahmen des chinesischen Staatsverbandes
erreichen. Eine Autonomie, die dem tibetischen Volk erlaubt, in
seiner eigenen Heimat die eigene Kultur, Sprache, Religion und
Identität zu bewahren. Die deutsche Bundeskanzlerin hat deutlich
gemacht, dass sie diese Position des Dalai Lama unterstützt. Sie
hat in glaubwürdiger Art und Weise verdeutlicht, dass die
Menschenrechtsituation und die Religionsfreiheit in China und
Tibet ein sehr ernstes Anliegen für die deutsche Bundesregierung
darstellen.
Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat den
Empfang nicht befürwortet. Er sagt, damit sei nichts gewonnen…
Gyaltsen: Ich bin überzeugt, dass es die richtige
Entscheidung war. Angela Merkel hat damit gezeigt, wie ernsthaft
die deutsche Bundesregierung über die Menschenrechtssituation in
Tibet besorgt ist.
Sie glauben also nicht, dass der Menschenrechtsdialog
durch den Empfang im Kanzleramt beschädigt werden könnte?
Gyaltsen: Nein, denn die amerikanische Regierung nimmt eine
viel entschiedenere Haltung in Fragen der Menschenrechte und
Religionsfreiheit gegenüber China ein als die meisten
europäischen Länder. Was dazu geführt hat, dass alle
chinesischen Dissidenten, die in den letzten Jahren frei kamen,
ganz bewusst in die USA in die Freiheit entlassen worden sind –
als Signal an die amerikanische Regierung und den Kongress. Das
macht deutlich, dass man mit einer standhaften Haltung Einfluss
auf die chinesische Regierung nehmen kann. Nach Europa hat die
chinesische Regierung hingegen bis heute keinen einzigen
Gefangenen entlassen, obwohl sich dort viele
Menschenrechtsorganisationen um die Freilassung dieser
Gefangenen bemüht haben.
Sind die USA gegenüber China nicht in einer ganz anderen
Position als Deutschland?
Gyaltsen: Natürlich kann man sagen, dass die USA eine
Supermacht sind, mit der man Deutschland nicht vergleichen kann.
Dennoch zeigt dieses Beispiel im Kern deutlich, dass eine
prinzipienfeste Politik in Bezug auf Tibet und die
Menschenrechtslage in China nicht automatisch zu einer
Verschlechterung der Beziehungen führt. Die amerikanische
Regierung hat als einzige westliche Regierung in ihrem
Außenministerium einen hochrangigen Beamten als offiziellen
Koordinator für tibetische Angelegenheiten. Damit senden die USA
die Botschaft, dass Tibet ein wichtiger Teil ihrer Beziehungen
mit China ist. Die Beziehungen der chinesischen zur
amerikanischen Regierung sind nicht schlechter als zur deutschen
Bundesregierung, obwohl die amerikanische Regierung eine solche
Haltung in Bezug auf Tibet eingenommen hat.
Welche Fortschritte gibt es beim Menschenrechtsdialog?
Gyaltsen: Die deutsche Bundesregierung führt seit bald zehn
Jahren einen Menschenrechtsdialog mit China. Allerdings hat die
chinesische Regierung den Eindruck, dass die westlichen
Regierungen nur bereit sind, über Menschenrechte zu sprechen,
solange es sie nichts kostet. Das zeigt, dass das Eintreten der
westlichen Regierungen für Menschenrechte in China nicht
ankommt. Daher hat es auch keine Fortschritte in Hinblick auf
die Menschenrechtssituation in China gegeben, denn die
chinesische Führung nimmt diesen Menschenrechtsdialog gar nicht
ernst.
Wie sollten sich die europäischen Länder verhalten?
Gyaltsen: Es ist wichtig, dass die Europäische Union und ihre
Mitglieder eine einheitliche Position einnehmen. Bisher äußerten
die europäischen Staaten leider nur Besorgnis über die
Menschenrechtsverletzungen in Tibet und es gab Aufforderungen,
in Gesprächen eine Lösung zu finden. Hinter diesen politischen
Deklarationen steht keine konzipierte Politik. Es gilt jetzt,
ein konkretes politisches Programm auszuarbeiten, wie man bei
der Lösung des Tibetproblems vorgehen kann.
Sollten die europäischen Staaten weiterhin auf Dialog
setzen oder ist es eher sinnvoll, gemeinsam mehr Druck
auszuüben?
Gyaltsen: Ich glaube, man muss beides machen. Wir, die
tibetische Exilregierung, sind jederzeit dazu bereit, in einen
Dialog einzutreten, damit eine Lösung gefunden werden kann.
Bisher weigert sich die chinesische Führung, echte Gespräche zu
führen. Wir haben sechs Runden von Gesprächen abgehalten. Aber
in diesem Dialog hat die chinesische Regierung sich nicht bewegt
und keinerlei Konzessionen gemacht. Wir haben viele Initiativen
unternommen, um ein gutes Klima zu schaffen und um die
chinesische Regierung dazu zu bewegen, in diesen Gesprächen
ernsthaft eine Lösung zu suchen. Es braucht eben auch Druck von
der internationalen Gemeinschaft.
Ist es denkbar, dass es durch die Olympischen Sommerspiele
2008 in Peking eine positive Entwicklung in der Tibetproblematik
gibt?
Gyaltsen: Das hängt davon ab, ob die internationale
Gemeinschaft die Gelegenheit nutzt, um Einfluss zu nehmen. Die
chinesische Regierung sollte dazu bewegt werden, ihre Politik in
Bezug auf Tibet zu korrigieren und einen echten Dialog mit den
Vertretern des Dalai Lama zu suchen. Wenn die internationale
Gemeinschaft diesen Versuch unternimmt, kann die Olympiade eine
Chance bieten, einer einvernehmlichen Lösung des Tibet-Konflikts
näher zu kommen.
Es gibt eine Initiative von Exil-Tibetern, die durchsetzen
möchten, dass in Peking ein eigenes olympisches Team startet.
Was halten Sie von dieser Idee?
Gyaltsen: Das „Team Tibet“ ist eine Initiative von
tibetischen Nichtregierungsorganisationen. Wir von der
tibetischen Regierung im Exil sind nicht dran beteiligt. Ich
möchte an dieser Stelle aber klar zum Ausdruck bringen: Der
Dalai Lama und die Exilregierung sind nicht gegen die Olympiade
2008 in Peking. Sondern wir hoffen, dass die Olympiade zu einer
Öffnung Chinas beiträgt und die chinesische Führung im Zuge
dessen Menschenrechten mehr Respekt entgegenbringt und in Bezug
auf Tibet umdenkt.
Tobias Goltz, Sebastian Witt
Das Interview entstand im November 2007.
(http://www.planet-interview.de/interviews/pi.php?interview=gyaltsen-kelsang-13122007) |