Sino-Tibetischer Dialog
Presse
„Wir brauchen eine echte Autonomie!“
März 2007
Seit der Besetzung Tibets im Jahr 1950 durch die
Volksrepublik China kämpfen die Tibeter um ihre Heimat.
Heutzutage strebt der Dalai Lama keine Loslösung aus dem
chinesischen Staatsverband an, sondern eine echte Autonomie, die
das Ziel hat, die akut bedrohte Kultur und Tradition der Tibeter
zu erhalten. Kelsang Gyaltsen, ehemaliger Privatsekretär des
Dalai Lama, ist im letzten Jahr für Verhandlungen nach China
gereist, um sich für die Rechte seiner Landsleute einzusetzen.
Warum die Gespräche keinen Fortschritt bringen und welche
Differenzen bestehen, erklärt er KGS-Mitarbeiterin Andrea
Brettner
Wie ist die Situation in Tibet zur Zeit in Bezug auf die
Menschenrechte?
Überhaupt ist es mit den Menschenrechten in der Volksrepublik
China sehr schlecht bestellt. Es gibt beispielsweise keine
Versammlungs- und Religionsfreiheit. All diese politischen
Freiheiten, die man im Westen als normal betrachtet, sind
überhaupt nicht vorhanden oder in ganz geringem Maße. Seit dem
Einmarsch der Volksbefreiungsarmee in Tibet wird unsere Heimat
von der chinesischen Regierung verwaltet. Das bedeutet, dass die
Regierung und die Behörden in Tibet die Politik der chinesischen
Regierung ausführen. Nicht-Tibeter, also Chinesen, die wenig
Kenntnis von der tibetischen Kultur haben, die nicht tibetisch
sprechen und auch kaum etwas von der tibetischen Religion und
dem Wertesystem wissen, diese Leute formulieren die Politik für
die Tibeter in Tibet. Deshalb ist auch die Lage in Tibet
gegenwärtig sehr alarmierend. Durch diese Politik und durch den
Zustrom von Chinesen nach Tibet ist das Weiterbestehen der
tibetischen Sprache, Kultur, Religion wirklich sehr ernsthaft in
Frage gestellt.
Befürchten die Tibeter, irgendwann eine Minderheit in der
Heimat zu sein?
Richtig. In den meisten größeren Städten von Tibet wird die
Mehrheit der Bevölkerung von den Chinesen gestellt. In Lhasa,
der Hauptstadt von Tibet, es ist beispielsweise so, dass, wenn
ein Tibeter einkaufen gehen möchte, er ohne chinesische
Sprachkenntnisse kaum zurecht kommt. Denn die meisten Geschäfte
gehören Chinesen und diejenigen, die dort arbeiten, sind
ebenfalls Chinesen. Wenn Tibeter heute zur Post gehen und einen
Brief aufgeben, dann müssen sie die Anschrift in chinesischer
Sprache schreiben. Und wenn sie in einer Bank ein Konto eröffnen
möchten, müssen sie die Formulare in Chinesisch ausfüllen.
Selbst wer in Lhasa ein Taxi nimmt, muss chinesisch sprechen
können. Chinesen in Tibet brauchen sich keine Mühe geben,
Tibetisch zu lernen. Die Tibeter hingegen müssen in Tibet
chinesisch sprechen können. Wir Tibeter bezeichnen die
gegenwärtige Entwicklung in Tibet – ob absichtlich oder
unabsichtlich – als eine Art kulturellen Völkermord, weil die
tibetische Kultur, Sprache, Religion, die tibetische Lebensweise
unterminiert und maginalisiert wird. Sie sind vom Untergang
bedroht.
Was fordert die tibetische Exilregierung von der
chinesischen Führung?
Der Dalai Lama und die tibetische Exilregierung versuchen im
Gespräch und in Verhandlungen mit der chinesischen Regierung
eine Lösung zu finden, die sowohl für die Tibeter als auch für
die Führung in Peking akzeptabel ist. Das bedeutet, es ist die
Position des Dalai Lama und der tibetischen Regierung im Exil,
keine Unabhängigkeit für Tibet anzustreben, sondern eine echte
Autonomie im Rahmen der Volksrepublik China. So dass es dem
tibetischen Volk möglich ist, im Rahmen der Volksrepublik China
seine Kultur, Identität, seine Sprache, seine Religion zu
pflegen. Tibet würde als Teil der Volksrepublik China
verbleiben, aber die Tibeter müssten in der Lage sein, sich
selbst zu verwalten. Die sogenannte „Autonome Region Tibet“ ist
schon heute laut offizieller chinesischer Regierungspolitik eine
autonome Region. Es ist aber so, dass diese autonome Region
gebiets- und bevölkerungsmäßig weniger als die Hälfte von
Gesamttibet umfasst. Obwohl das Gebiet offiziell autonom ist,
wird es in Wahrheit von Peking aus regiert. Das lokale
tibetische Parlament hat zur Zeit kaum echte Befugnisse und
Rechte. Deshalb wünschen wir uns eine echte Autonomie, nicht nur
eine, die dem Namen nach besteht.
Nach den letzten Verhandlungen, die Sie mit der chinesischen
Regierung im Jahr 2006 führten, erklärten Sie, dass keine
Fortschritte zu verzeichnen seien. Allerdings seien sich beide
Seiten klar geworden, welche Differenzen konkret bestehen.
Können Sie diese Differenzen bitte kurz erklären?
Seit 2002 haben wir direkten Kontakt mit der chinesischen
Regierung. Fünf Gesprächsrunden haben stattgefunden. In diesen
direkten Gesprächen haben wir bis heute keine Fortschritte in
einer Verbesserung der Situation für die Tibeter erzielen
können. Aber wir haben heute ein viel klareres Bild davon,
welche Position die chinesischen Regierung vertritt, und die
chinesische Regierung hat ein klareres Bild davon, welche Lösung
der Dalai Lama und die tibetische Regierung im Exil vorsieht.
Das größte Problem in diesen direkten Gesprächen ist
offensichtlich der Mangel an gegenseitigem Vertrauen. Die
chinesische Regierung fährt fort, den Dalai Lama zu kritisieren,
er sei nicht aufrichtig mit seiner Aussage, dass er keine
Unabhängigkeit Tibets anstrebe. Ein weiteres Problem ist die
Geschichte von Tibet. Die chinesische Regierung besteht
offensichtlich darauf, dass der Dalai Lama öffentlich aussagt,
dass Tibet seit jeher ein Teil Chinas war. Diese Forderung der
Chinesen entspricht nicht der Geschichtsauffassung der Tibeter.
Wir glauben, dass mit dem Einmarsch der chinesischen Truppen in
Tibet im Jahre 1950 eine neue Situation geschaffen wurde. Und
deshalb ist die Position des Dalai Lama und die der tibetischen
Regierung im Exil: „Lasst Vergangenheit vergangen sein. Lass uns
nicht über die historischen Zusammenhänge sprechen. Die
Geschichte bietet keine Handhabe zur Lösung des gegenwärtigen
Problems.“
Der Dalai Lama und die tibetische Exilregierung sind bereit,
Tibet als Teil der Volksrepublik China anzuerkennen, wenn dem
tibetischen Volk eine echte Autonomie zuteil wird. Die
chinesische Regierung stellt sich auf den Standpunkt, dass das
Anliegen der Tibeter, dass alle Tibeter in der Volksrepublik
China in einer autonomen Einheit leben müssen – nicht wie jetzt
in viele Teile aufgeteilt – nicht zu verwirklichen sei. Wir sind
da anderer Ansicht. Veränderungen von internen Grenzen hat es in
der Volksrepublik China viele Male gegeben – zum Beispiel in der
so genannten „Autonomen Region Innere Mongolei“. Dort hat auch
die chinesische Regierung Grenzverschiebungen vorgenommen, um
den Interessen und Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung gerecht
zu werden. Darüber hinaus hat sie auch in anderen Teilen der
Volksrepublik Grenzverschiebungen vorgenommen. Deshalb sind wir
Tibeter der Meinung, dass, wenn der politische Wille vorhanden
ist, die Forderung der Tibeter nicht unmöglich sein sollte.
Warum bestehen die Tibeter auf eine autonome Einheit für
alle Tibeter?
Nehmen Sie mich als Beispiel. Ich stamme aus Osttibet. Meine
Heimat ist gegenwärtig der chinesischen Provinz Sezuan
angegliedert. In dieser tibetischen Gegend leben etwa 800.000
Tibeter. Wie sollen diese 800.000 Tibeter in einer Provinz, in
der über 100 Millionen Chinesen leben, längerfristig in der Lage
sein, ihre Sprache, Religion und Kultur zu bewahren? Genauso
geht es anderen Bevölkerungsteilen Tibets, die an andere
chinesische Provinzen angegliedert sind – wo sie eine
verschwindend kleine Minderheit darstellen. Aus diesem Grund
geht es uns bei dieser Forderung um das Überleben des
tibetischen Volkes mit seiner ureigenen Kultur, Sprache,
Religion und Identität und um die Anerkennung und Respektierung
des Unversehrtheit des tibetischen Volkes.
Ist es dem Dalai Lama zum jetzigen Zeitpunkt möglich,
seine Heimat zu besuchen?
Leider nicht. Letztes Jahr hat der Dalai Lama offiziell den
Wunsch verkündet, eine Pilgerreise nach China unternehmen zu
wollen. Denn in China gibt es viele heilige buddhistische
Stätten. Eine solche Pilgerreise würde auch die Gelegenheit
bieten, mit der höchsten Führung in China in Kontakt zu kommen.
Wir glauben, dass eine solche Pilgerreise entscheidend dazu
beitragen würde, in diesen Gesprächen einen Durchbruch zu
erzielen. Leider hat die chinesische Regierung bis heute nicht
reagiert. Sie hat offiziell verkündet, dass ein Besuch des Dalai
Lama in China in Betracht gezogen werden kann, wenn er alle
separatistischen Tätigkeiten aufgeben würde. Dabei haben der
Dalai Lama und die tibetische Exilregierung seit Jahren
klargemacht, dass keine Unabhängigkeit Tibets angestrebt wird,
sondern eine echte Autonomie. Alle unsere Aktivitäten zielen
eben nicht auf die Trennung von China, sondern auf die
gewünschte Autonomie ab. Insofern ist die Anschuldigung der
chinesischen Regierung grundlos.
Was glauben Sie, befürchtet die chinesische Regierung,
wenn der Dalai Lama nach Lhasa kommen würde?
Wir wissen genau, dass in der gegenwärtigen Situation, wenn
der Dalai Lama den Wunsch äußern würde, Teile von Tibet oder
auch Lhasa zu besuchen, die chinesische Regierung dies nicht
erlauben wird. Die chinesische Regierung weiß genau, dass die
Tibeter in Tibet dann mit den Füßen abstimmen und es zu einem
noch nie dagewesenen Massenauflauf an Menschen kommen wird. Eine
solche politische Situation möchte die chinesische Regierung
nicht sehen. Deshalb hat der Dalai Lama in dem Bewusstsein, dass
sein Besuch auch Schwierigkeiten für die chinesische Führung
bietet, den Wunsch geäußert, zunächst eine Pilgerreise nach
China zu unternehmen. Wenn man genügend Vertrauen aufgebaut hat,
dann kann man später auch Besuche in tibetische Gegenden planen.
Manche Tibeter sind der Ansicht, dass ein gewaltsamer
Widerstand effektiver sei. Ist der friedliche Weg des Dalai Lama
in Gefahr?
Es ist eine Minderheit, die der Ansicht ist, dass ein
gewaltsamer Widerstand effektiver sei. Allerdings findet diese
Minderheit immer mehr Zustimmung unter den Exiltibetern. Diese
Gruppe, die kritisch gegenüber der Vorgehensweise des Dalai Lama
und der tibetischen Regierung im Exil ist, begründet ihre Kritik
auf verschiedenen Punkten: Erstens sagen sie, dass Tibet ein
unabhängiges Land war und ist und dass es von der Volksrepublik
China militärisch besetzt wurde. Das tibetische Volk hat ein
Recht auf Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Dieses Recht des
tibetischen Volkes darf nicht aufgegeben werden. Der zweite
Punkt ist, dass der Dalai Lama und die tibetische Regierung im
Exil ein strikt gewaltloses Vorgehen vertritt. Die Kritik
lautet, dass andere Bevölkerungsgruppen, die mit Gewalt um ihre
Freiheit gekämpft haben, viel mehr Unterstützung in der
internationalen Gemeinschaft finden. Deren Anliegen sei der
Öffentlichkeit viel mehr bewusst und auch die Medien würden
diesen Befreiungsgruppen viel mehr Aufmerksamkeit schenken als
den Tibetern. Deshalb glaubt diese Gruppe von Tibetern, dass das
gewaltlose Vorgehen nicht effektiv sei, um das Anliegen des
tibetischen Volkes in den Brennpunkt der Öffentlichkeit zu
stellen. Als dritter Punkt wird angegeben, dass der Dalai Lama
und die tibetische Regierung seit 1959 im Exil sind. Es sind
fast fünfzig Jahre vergangen und durch das gewaltlose Vorgehen
sind wir nicht näher zu einer Lösung unseres Problems gekommen.
Diese Schlussfolgerung ziehen jene Menschen und fordern einen
neuen Kurs.
Dabei ist der Dalai Lama berühmt, gerade weil er diesen
friedlichen Weg gewählt hat. Dadurch wissen Menschen auf der
ganzen Welt, was in Tibet geschehen ist.
Ja, aber es gibt natürlich sehr viele Tibeter, die sagen,
dass der Dalai Lama durch dieses Vorgehen zwar in der Welt
berühmt und beliebt geworden, das tibetische Volk aber einer
Lösung des Problems nicht näher gekommen ist.
Im Sommer 2007 kommt der Dalai Lama nach Hamburg, um die
Weisheit des Buddhismus zu lehren. Nun ist Hamburg ja auch eine
Stadt, die intensiven Handel mit China betreibt. Inwiefern wird
die politische Lage Tibets Thema während seines Besuches sein?
Bei seinem Besuch in Hamburg wird der Dalai Lama über das
Thema „Frieden lernen“ sprechen und dann eine Belehrung
abhalten. Der Besuch in Hamburg ist kulturell-religionsbezogen.
Aber es ist natürlich so, dass, wo immer der Dalai Lama
hinreist, er von den lokalen Behörden als
Friedensnobelpreisträger mit Würde und Ehren empfangen wird. Und
daher ist es natürlich möglich, dass es zur einer Begegnung mit
offiziellen Stellen in Hamburg kommen wird. Der Dalai Lama und
die tibetische Regierung im Exil sind nicht gegen gute
Beziehungen mit China. Wir glauben, es ist wichtig,
freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten. Schließlich ist
China das bevölkerungsreichste Land der Welt und der Dalai Lama
hat des öfteren ausgesagt, dass es wichtig sei, dieses große
Land in die internationale Völkergemeinschaft zu integrieren.
Falsch wäre es, China zu isolieren und auch Chinas Aufstieg zu
unterbinden. Der Dalai Lama glaubt auch, dass, wenn man gute,
freundschaftliche Beziehungen zu China unterhält, eine
Grundvoraussetzung erfüllt sei, um einen positiven Einfluss auf
die Führung in Peking zu nehmen. Es sei aber nach Ansicht des
Dalai Lama auch wichtig, dass man im Rahmen der
freundschaftlichen Beziehungen Menschenrechtsprobleme, Probleme
der Religionsfreiheit und den Minderheitenschutz anspricht. Es
ist immens wichtig für die Weltgemeinschaft, dass wir ein China
haben, das freier ist, liberaler, dass die Menschenrechte besser
beachtet und Minderheiten besser schützt.
...
Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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