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Sino-Tibetischer Dialog

Erklärung des Sondergesandten Seiner Heiligkeit des Dalai Lama, Kasur Lodi Gyaltsen Gyari

Vom 30. Juni bis 3. Juli 2008 besuchten der Gesandte Kelsang Gyaltsen und ich Peking. Begleitet wurden wir von den leitenden Mitarbeitern der Task Force ‚Sino-tibetische Verhandlungen’ Sonam N. Dagpo und Bhuchung K. Tsering, sowie von Jigmey Passang vom Sekretariat dieses Arbeitsstabes.

Am 1. Juli 2008 trafen wir mit Du Qinglin, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Politischen Konsultativ-Konferenz des Chinesischen Volkes und Minister der Arbeitsabteilung der Zentralen Einheitsfront zusammen. Es war unsere erste Begegnung mit Minister Du, der diese Position seit dem 17. Parteikongress innehat. Er gab uns einen kurzen Überblick über die innen- und außenpolitische Lage Chinas sowie über die chinesische Tibet-Politik. Wir nahmen die Gelegenheit wahr, die Grundzüge der Haltung Seiner Heiligkeit des Dalai Lama zur Lösung der Tibet-Frage zu erläutern und zugleich den Opfern der Erdbebenkatastrophe in Sichuan unser aufrichtiges Beileid auszusprechen.

Wir besuchten das chinesische Zentralinstitut für Tibet-Studien, wo wir von dessen Direktor Lhakpa Phuntsok und dem stellvertretenden Direktor Zhu Xiaoming empfangen wurden. Wir führten ein interessantes Gespräch mit den Wissenschaftlern, die uns über ihre Forschungsprojekte berichteten. Wir würdigten die Arbeit der Wissenschaftler auf verschiedenen Gebieten und betonten dabei, wie wichtig es sei, dass Wissenschaftler vorurteilsfrei und unabhängig zu Themen wie der Geschichte Tibets forschen können, was zu einem besseren Verständnis der unterschiedlichen Auffassungen beitragen werde.

Am 2. Juli 2008 führten wir ganztägige Gespräche mit dem Vize-Minister Zhu Weiqun und Vize-Minister Sithar.

Dieses Treffen fand zu einem kritischen Zeitpunkt in unseren Beziehungen statt. Die jüngsten Ereignisse in Tibet haben den tatsächlichen und tiefverwurzelten Unmut des tibetischen Volkes über die Politik der Volksrepublik China deutlich gemacht. Die drängende Notwendigkeit, diese Probleme im Interesse von Stabilität, Einheit und Harmonie unter den Nationalitäten der VR China ernsthaft und aufrichtig mit Mut und Weitblick anzugehen, ist offensichtlich. Zudem ist, auch wenn Seine Heiligkeit der Dalai Lama eine Lösung der Tibet-Frage innerhalb der VR China anstrebt, dieses Problem bekanntermaßen zum Gegenstand großer weltweiter Besorgnis geworden. So hatten wir gehofft, dass die chinesische Führung unsere Bemühungen erwidern und bei dieser Gesprächsrunde konkrete Schritte unternehmen würde. Zu unserem Bedauern weigerte sich die chinesische Seite jedoch, sogar ein gemeinsames Communiqué abzugeben, die beide Parteien auf den Dialog-Prozess verpflichten sollte. Die Weigerung der chinesischen Seite war zurückzuführen auf eine an die Paranoia grenzende Angst über eventuelle Auswirkungen in Fragen der Legitimität, die ein solcher Akt nach sich ziehen würde.

Während die chinesische Seite nun zu begriffen haben scheint, dass ihre Anschuldigungen gegen Seine Heiligkeit, er habe die jüngsten Ereignissen in Tibet angezettelt und sabotiere die Olympischen Spiele, nicht länger haltbar sind, fordert sie nun von Seiner Heiligkeit, Gewalt, Terrorismus und Sabotage der Olympiade nicht zu unterstützen. Wir erklärten mit aller gebotenen Schärfe, dass niemand uns dazu auffordern müsse, da Seine Heiligkeit und der tibetische Kampf gerade wegen ihrer konsequenten Ablehnung und Zurückweisung solcher Gewaltakte allgemeine Anerkennung und Wertschätzung genössen. Wir wiesen den Versuch der chinesischen Seite, den Tibetischen Jugendkongress als eine gewalttätige und terroristische Organisation hinzustellen, kategorisch zurück. Wir wiesen darauf hin, dass obwohl der Tibetische Jugendkongress den politischen Kurs des Mittleren Weges Seiner Heiligkeit des Dalai Lama ablehnt und für die Unabhängigkeit Tibets eintritt, dass die Organisation dem Prinzip der Gewaltlosigkeit verpflichtet ist. Seine Heiligkeit hat zu wiederholten Malen und in aller Öffentlichkeit erklärt, dass er für Tibet weder Abtrennung noch Unabhängigkeit anstrebe.

Während der Gespräche haben wir unseren chinesischen Partnern gegenüber immer wieder betont, dass die Kernfrage, um die es hier geht, das Wohlergehen des tibetischen Volkes ist, und nicht der persönliche Status und die Angelegenheiten Seiner Heiligkeit des Dalai Lama oder die der Tibeter im Exil.

Im Verlauf der Gespräche sahen wir uns gezwungen, unseren Partnern offen zu sagen, dass es auf ihrer Seite an ernsthaftem und aufrichtigem Engagement fehle, und wir keinen Zweck in der Fortsetzung des gegenwärtigen Dialogs sehen.

Die chinesische Seite war jedoch der Auffassung, dass der Dialogprozess produktiv sei und wir bedenken müssten, dass ein derart komplexes, schon ein halbes Jahrhundert währendes Problem nicht innerhalb weniger Jahre gelöst werden könne.

Da die tibetische Führung eine konsequente Politik des Dialogs befürwortet, vereinbarten wir mit unseren Gesprächspartnern, die nächste Runde der Gespräche im Oktober abzuhalten, und besprachen dabei einige Punkte, die als Gesprächsgrundlage dienen könnten.

Heute haben wir Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama Bericht erstattet. Heute früh informierten wir auch den Präsidenten des Exilparlaments Karma Chophel und die Vize-Präsidentin Dolma Gyari. Bei unserer Ankunft in Dharamsala am 4. Juli unterrichteten wir Kalon Tripa Samdhong Rinpoche.

Wir danken unserem Gastgeber, der Arbeitsabteilung der Zentralen Einheitsfront der Chinesischen Kommunistischen Partei, für ihre Gastfreundschaft und ihren Beistand.

Dharamsala, 5. Juli 2008

 

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