Tibet
Historischer Überblick
Tibet ist ein uraltes Land, dessen schriftlich belegte
Geschichte bis ins Jahr 126 v. Chr. zurückreicht. Im 8.
Jahrhundert wurde der Buddhismus zur Staatsreligion erhoben. Die
tibetische Kultur begann, sich an den spirituellen Zielen eines
gütigen, mitfühlenden Herzens und eines ruhigen, klaren Geistes
auszurichten. Wissenschaftler sind sich einig, dass Tibet
spätestens 1911 nach modernen Kriterien zu einem vollkommen
unabhängigen Staat geworden ist. Tibet umfasste zu dieser Zeit
ein Gebiet etwa in der Größe Westeuropas.

1949 marschierte die chinesische Armee mit 100.000 Mann in
Kham, der östlichen Provinz Tibets, ein. Internationale
Reaktionen auf dieses Vorgehen und die darauf folgende Besetzung
der Hauptstadt Lhasa war allgemeine Missbilligung - die Welt war
sich einig, dass China unrechtmäßig gehandelt hatte. Die
Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete mehrere
Resolutionen, die das chinesische Vorgehen verurteilten und
Selbstbestimmungsrecht für die Tibeter forderten. Doch China
ignorierte diese Aufrufe und dehnte seine militärische Kontrolle
vollständig über alle drei tibetischen Provinzen aus: Kham, Amdo
und Ü-Tsang.
Im Frühjahr 1959 kam es in Lhasa, der Hauptstadt Tibets, zu
einem Volksaufstand der Tibeter gegen die Chinesen, der jedoch
vom Militär rücksichtslos niedergeschlagen wurde. Der Dalai
Lama, das weltliche und geistliche Oberhaupt Tibets, und 80.000
Tibeter flohen über den Himalaja nach Indien, wo sie nun schon
seit über 40 Jahren leben.
Infolge der Aufstände in Lhasa wurde die chinesische
Unterdrückung der Tibeter und ihrer Kultur noch brutaler und
unmenschlicher. Während Maos Kulturrevolution (1966-1976) wurde
der Buddhismus zum Hauptangriffspunkt der kommunistischen
"Reformen" und Tibet zu einem Land des Leids: Hunderttausende
wurden verhaftet und in Gefängnisse und Arbeitslager
verschleppt. Mehr als eine Millionen Tibeter, rund ein Fünftel
der Gesamtbevölkerung, sind infolge der chinesischen Herrschaft
an Folter und Hungersnot, durch Hinrichtung oder auf andere
Weise zu Tode gekommen.
Die Chinesen verboten praktisch jegliches Studium des
Buddhismus und jegliche religiöse Praxis. 1969 gab es in Tibet
keine einzige praktizierende Nonne und keinen einzigen
praktizierenden Mönch mehr - alle waren sie entweder geflohen,
hingerichtet, verhaftet oder zumindest ihrer Ämter enthoben
worden. Vor der Invasion überzog ein Netz von mehr als 6.000
Klöstern das Land, 1979 waren alle bis auf 13 geplündert und
zerstört worden. Tausende Tonnen religiöser Statuen und anderer
Kunstwerke aus edlen Metallen waren gestohlen und in Chinas
Gießereien eingeschmolzen oder ins Ausland verkauft worden.
Studium und Praxis des Buddhismus sind inzwischen wieder
gestattet, jedoch unter strengen Auflagen der chinesischen
Regierung. Es wurde den Tibetern erlaubt, einige Klöster
wiederaufzubauen, aber die chinesischen Behörden begrenzen die
Anzahl der jeweils zugelassenen Mönche und Nonnen. Zusätzlich
sind Vertreter der Kommunistischen Partei Chinas entweder
dauerhaft im Kloster positioniert oder statten häufige
Überwachungsbesuche ab, um die Bewohner "umzuerziehen". Die
"Umerziehungsversammlungen" sind darauf ausgerichtet, Mönche und
Nonnen zu zwingen, den Dalai Lama zu diskreditieren, die
chinesische Staatsideologie zu preisen und der tibetischen
Freiheitsbewegung abzuschwören.
Gefängnisse und Arbeitslager sind zu einem beherrschenden
Aspekt im Leben der Tibeter unter chinesischer Besatzung
geworden. Jede Kritik und jeder Widerstand gegenüber der
chinesischen Besatzungsmacht ist ein Grund zur Verhaftung. Es
gibt heute nicht einen einzigen Tibeter, in dessen Familie nicht
zumindest ein Mitglied gefangen genommen oder getötet wurde. Die
genaue Anzahl der politischen Gefangenen, die vor 1979 verhaftet
wurden, ist unbekannt, aber Schätzungen zufolge starben mehr als
70 Prozent während ihrer Gefangenschaft. Einige Häftlinge wurden
gezwungen, in chinesischen Bergwerken und Fabriken unter
menschenunwürdigen Bedingungen zu arbeiten - von 10.000
Gefangenen eines Arbeitslagers für Boraxminen in den nördlichen
Hochebenen von Jang Tsalaka starben Berichten zufolge 8.000
Tibeter innerhalb eines einzigen Jahres. In einer Bleimine in
Dhartsedo (chin. Kangting), Kham, starben mehr als 12.000
Arbeiter in nur zwei Jahren. Auch heute noch wird jede
politische Aktivität und jeder friedliche Einsatz für
Menschenrechte als Schwerverbrechen angesehen und mit
Haftstrafen zwischen einem Jahr und lebenslänglich geahndet.
Auch jede Sympathiebezeugung gegenüber dem Dalai Lama, selbst
der Besitz seines Portraits oder der verbotenen tibetischen
Nationalflagge sind Grund für Gefangennahme und hohe
Haftstrafen.
Historisch besteht Tibet aus den drei Provinzen Ü-Tsang, Kham
und Amdo, die ein Gebiet von 2,5 Millionen Quadratkilometern
umfassen. China gliederte jedoch ganz Amdo und große Teile von
Kham in die angrenzenden chinesischen Provinzen ein. Das
verbleibende Gebiet, das nur noch aus Ü-Tsang und einigen
Regionen Khams besteht, erhielt die Bezeichnung "Autonome Region
Tibet". Obwohl es nur die Hälfte der ursprünglichen Landmasse
Tibets darstellt, beziehen sich die Chinesen lediglich auf
dieses Gebiet, wenn sie von Tibet sprechen.
1959, im Anschluss an seine Flucht nach Indien, begann der
Dalai Lama nach modernen demokratischen Prinzipien die Regierung
Tibets im Exil aufzubauen. 1991 verabschiedete der US-Kongress
eine Resolution, die Tibet als ein "besetztes Land" anerkennt,
dessen "wahre Vertreter der Dalai Lama und die tibetische
Exilregierung sind". Die Exilregierung kümmert sich um das
Wohlergehen der tibetischen Flüchtlinge, wobei der Schwerpunkt
auf die Ausbildung und die Bewahrung der Tradition gelegt wird.
Sie steht auch an der Spitze des friedlichen Kampfes des
tibetischen Volkes um wahre Selbstbestimmung und die
Rückgewinnung seines rechtmäßigen Heimatlandes.
Dialogbemühungen
Der Dalai Lama und seine Regierung suchen auf dem friedlichen
Weg durch Verhandlung mit der chinesischen Regierung nach einer
Lösung für den Tibet-Konflikt. Ihre Bemühungen werden jedoch von
Peking seit Jahren zurückgewiesen. China verlangt, dass der
Dalai Lama als Ausgangspunkt für Verhandlungen zuerst den
historischen und rechtlichen Status Tibets als einstmals
unabhängiges Land verleugnet.
Das internationale Bewusstsein für die Situation in Tibet hat
in den letzten Jahren zugenommen, vor allem seit dem Dalai Lama
1989 der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Zahlreiche
Parlamente haben Resolutionen verabschiedet, in denen sie die
Menschenrechtsverletzungen in Tibet verurteilen und eine
friedliche Lösung des Konfliktes fordern. |